31. März 2008

Beyond Borders

Heute hatten ich und zwei Kommilitonen die wahrscheinlich einmalige Chance mich mit einem Chinesen offen ueber die Situation in Tibet und die Haltung der chinesischen Regierung zu unterhalten. Trotz des brenzligen Themas ist er sehr ruhig geblieben und hat versucht uns seine Weltsicht etwas naeher zu bringen. Leider war seine Sicht, meiner Meinung nach, von einer systematischen Gehirnwaesche gepraegt und wann immer er sich in problematischen Formulierungen zu verheddern drohte, fluechtete er sich in offensichtlich auswendig gelernte Vorformulierungen. Aber sind es nicht gerade auch diese Erfahrungen, die ein Auslandssemster so wertvoll machen?
Seine Sichtweise hier darzulegen, waere zu aufwendig und kompliziert, aber mir sind waehrend unserem Gespraech folgende Dinge nochmal sehr deutlich geworden: meine westliche Weltsicht ist ebenso von Medien und Gesellschaft gepraegt und es ist unglaublich schwer sich zu solch komplizierten Themen eine reflektierte Meinung zu bilden. Die verfuegbaren Informationen scheinen irgendwie immer eingefaerbt und verzerrt zu sein. Darueber hinaus fuehle ich mich in meiner (nicht unbedingt populaeren) Sichtweise bestaerkt, dass eine Unabhaengigkeit Tibets fuer die Menschen dort nicht notwendigerweise erstrebenswert ist. Troztdem waere ein offener und gewaltfreier Dialog der Beteiligten die einzig wuenschenswerte Loesung.

20. März 2008

Lost in translation

In welche grossen und kleinen Fettnaepfchen man treten kann, wenn man der Sprache nicht Herr ist, durften Georg und ich gestern Abend erleben. Georg hatte vom International Office Freikarten fuer ein Konzert im Seoul Arts Center erhalten, doch leider konnten wir das beiliegende Programmheft nicht lesen. Anscheinend handelte es sich um ein Benefizkonzert der Dukchon Foundation und wir dachten uns nichts weiter dabei, als wir in einer der hintersten Reihen Platz nahmen. Der erste Auftritt eines Kammermusik Ensembles und auch das nachfolgende Streichorchester waren hervorragend, doch von da an ging es mit der musikalischen Qualitaet steil bergab. Als dann nach der Pause ein kleines Orchester auf quietschenden Violinen, kraechzenden Klarinetten und schlecht gestimmten Floeten "Somewhere over the Rainbow" anstimmte und dazu ein Truppe alter Ajummas rhytmische Tanzgymnastik vortrug, dachten wir endgueltig, wir sind im falschen Film. Das Publikum brach in begeisterten Applaus aus und wir schuettelten nur unseren Kopf. Unbeholfen drehten sich die Musiker Richtung Konzertsaal, fuchtelten mit ihren Geigenboegen oder sprangen auf und ab. Und langsam daemmerte es uns: wir waren in ein Benefizkonzert fuer und mit autistischen jungen Menschen geraten, die fuer ihre starke Einschraenkung ein tolles Konzert vorgetragen haben, und wir fuehlten uns sehr beschaehmt ueber unser vorschnelles Urteil. Und ich glaube, damit sollte ich mich dann auch wieder an meine Koreanischhausaufgaben setzen...

19. März 2008

Lifestyle of the rich and the famous

Einmal V.I.P. auf der angesagtesten Party der Stadt - davon traeumt jeder mal. Dank unserer Bekanntschaft mit Richard Choi, einem koreanischen TV-Comedian, wurden ein paar Internationals und ich am Samstag als exklusive Gaeste zur "Blue Spirit Party" ins Walkerhill Sheraton ****** eingeladen. Dieser Luxuskomplex liegt auf einer Anhoehe im teuersten Stadtteil Seouls und beherbergt u.a. eines der wenigen koreanischen Casinos. Wir bekamen unseren eigenen Tisch in der V.I.P. und hatten einen super Blick auf die Buehne, wo an diesem Abend einige Groessen der ost-asiatischen Elektro-Sezene auftraten.
Besonders lustig war es mit unserem Freund Alpha, einem 200Kilo-Koloss aus Saomoa. An und fuer sich schon eine eindrucksvolle Erscheinung, hatte er sich an dem Abend in einen feinen Anzug geschmissen und sah damit aus wie unser persoenlicher Bodyguard.



Ich hatte durchaus meinen Spass, aber in dieser kuenstlich-dekatenten Umgebung, mit den vielen extravaganten Menschen und den skurillen Videoinstallationen fuehlte ich mich nicht wirklich wohl. So war ich dann doch eher interessierter Beobachter, als wirklich Teil der Party.

16. März 2008

West Sea Islands

Wer das "echte" Korea erleben will, muss raus aus der Millionenmetropole Seoul. Roos (aus Maastricht), Clemence (aus Nantes) und ich haben uns getraut und sind zwei Tage raus auf die West Sea Islands gefahren. Unser erster Stop war Ganghwa-do, eine der groesseren Inseln, die dank einer Bruecke mit dem Festland verbunden ist. Waehrend der zweistuendigen Ruckeltour mit dem Bus traeumten wir von Sandstraenden und Uferpromenaden, Moewen und Latte Macchiato in der Fruehlingssonne. Leider endete unsere Busfahrt aber in einer haesslichen und zersiedelten Kuestenstadt, mit einem Betonklotz-Busbahnhof zur Linken und einem abgeernteten Reisacker zur Rechten. Wir hielten kurz inne, sortierten unsere Erwartungen, stellten in den Abenteuer-komme-was-wolle-Modus um und machten uns gut gelaunt auf die Suche nach Mittagessen.

In der Naehe befand sich ein grosses Marktgebaeude, in dem Ajummas ihren Knoblauch, getrockneten Fisch und traditionelle Heilkraeuter zum Kauf anboten. Wir muessen die ersten hochgewachsenen Langnasen seit langem gewesen sein, denn es wurde getuschelt und geglotzt und manch eine Mutigere wollte unser Urteil zu ihren eingelegten Tintenfischen oder Krabbenbeinen wissen. Im Obergeschoss befanden sich viele kleine Garkuechen und auch hier bot man uns ueberaus hoeflich jeden freien Platz an. Da Roos und Clemence keinerlei Koreanischkenntnisse haben und meine kulinarisches Vokabular auch sehr beschraenkt ist, waehlten wir einen Stand mit anschaulichen Fotos.


Die Sehenswuerdigkeiten der Insel stellten sich als nicht unbedingt sehens-wuerdig heraus, aber wir genossen es sehr mal aus der Stadt raus zu sein. Wir spazierten in der Festungsanlage herum, machten ein Nickerchen auf der Wiese, aßen Eis in der Fruehlingssonne und sogen die Seeluft tief in unsere Grossstadtlungen. Der groessere Wert der Reise lag in den interessanten und teilweise auch abenteurlichen Begegnungen mit Koreanern, insbesondere aufgrund der fehlenden Englischkenntnisse ihrer- und geringen Koreanischkenntnisse meinerseits:

Die Museumswaechterin
Besorgt um unser Wohlergehen und wohlwissend, dass die Busse auf Ganghwa-do eher selten fahren, telefonierte diese alte Dame uns ein Taxi herbei. Trotz meiner bescheidenen Koreanischkenntnisse haben wir uns verstaendigt und ihr Laecheln ermunterte mich, ein paar mehr Saetze zu probieren. Und waehrend wir in der Sonne auf unsere Mitfahrgelegenheit warteten, bot sie uns ihren guten Instant Coffee an.

Der Taxifahrer
Trotz klarer Anweisungen uns zur Westkueste der Insel zu bringen, versuchte er es mal mit einer kleinen Inselrundfahrt und steuerte den naechsten Palast an. Etwas enttaeuscht ueber unsere Beharrlichkeit, auch was den vorher vereinbarten Preis angeht, fuhren wir weiter. In bester koreanischer Taxifahrermanier trat er ordentlich aufs Gaspedal und jagte uns mit 120km/h durch enge Alleen und bremste vor Hubbeln scharf ab um dann gleich wieder mit quietschenden Reifen durchzustarten. Als Dolmetscherin sass ich auf dem Beifahrersitz und waere vor Angst fast gestorben!

Der Jugendherbergsvater
Unsere Nacht verbrachten wir Ondol in einer voellig lehren Jugendherberge, was wohl an der Jahreszeit liegen muss. Ein bisschen unheimlich, vor allem weil der eigentlich sehr freundliche Jugendherbergsvater und durch seine 5cm dicke Hornbrille anschielte.

Der Restaurantbesitzer
Auf der Suche nach einem Abendessen, fanden wir nur Fischrestaurants. Diese servieren jedoch nur den als Spezialitaet angesehenen und daher sehr teuren rohen Fisch, auf den wir uns eh nicht so ganz einlassen wollten. Kurz bevor wir aufgaben, fand sich dann aber doch ein einladendes Lokal mit erschwinglichen Speisen. Diese waren jedoch aufgrund meines abermals geringen kulinarischen Vokabluars nur schwer zu identifizieren und so gestikulierte ich eine ganze Weile mit dem sehr geduldigen Restaurantbesitzer herum, bis klar war, dass es sich jedenfalls nicht um lebendigen Oktopus handelt. Anstattdessen bekamen wir eine hervorragende Fischsuppe mit vielen aussergewoehnlichen side dishes.

Die Rock-Family
Muede vom Tag, wollten wir nur noch schnell auf eine heisse Schokolade in ein amerikanisch angehauchtest Rock-Cafe einkehren. Als die einzigen Gaeste, trafen wir dort auf einer sehr lustige und gastfreundliche Rockfamilie. Die Mutter fuetterte uns armen Maedchen (soweit weg von zu hause!) mit allem was sie in ihrer Kueche noch so finden konnte. Waehrenddessen unterhielt uns der Vater live mit E-Gitarre und schmetterte ein paar alte Songs von Bob Dillan und den Scorpions. Die Tochter, eine tradtionelle Kuenstlerin, beschenkte uns mit ihren White Day Suessigkeiten und liess uns mal ihre Pinsel und Tusche probieren.

Der Wanderer
Am naechsten Tag, auf unserem Weg zum Bomunsan-Tempel haetten wir lange auf einen lokalen Bus warten muessen. Also fragte ich auf der Faehre einfach eine groesser Reisegruppe im Tourbus, ob sie uns nicht ein Stueckchen mitnehmen koennten. Freundlich wurden wir aufgenommen, mit allerlei Proviant ausgestattet und direkt an unserem Ziel abgesetzt.

Der Moench
Im Bomunsan-Tempel kann man fuer ein paar Won einen Ziegel zum Wiederaufbau mit einer persoenlichen Widmung oder einem gebet beschriften. Roos, Clemence und ich gestalteten einen dreisprachigen Wunschziegel und bekamen dafuer von dem Moench promt eine der koestlichen Nashi angeboten.




9. März 2008

Bukchon - eine Oase der Ruhe

Nachdem es mir letzte Woche etwas viel wurde mit allem, bin ich heute einfach mal alleine losgezogen und habe mitten in Seoul eine Oase der Ruhe entdeckt. Das Stadtviertel Bukchon liegt super-zentral in der Naehe der Anguk Station und ist doch eine ganz andere Welt. Kaum verlaesst man den Grossstadtlaerm und laeuft den Huegel hinauf, findet man sich in engen Gassen zwischen traditionellen, koreanischen Haeusern (Hanok) wieder. Die verwinkelten und kunstvoll gestalteten Daecher ducken sich dicht an dicht und nur zu gerne moechte man einen Blick in einen der kleinen Innenhoefe wagen.



Am hoechsten Punkt des Huegels angekommen, geniesst man einen atemberaubenden Blick auf die Hanok-Daecher, die den Huegel wie ein Schildkroetenpanzer bedecken und in der Ferne heben sich der Millenium Tower und Namsan Tower blau aus dem Dunst ab.



In einer der Gasssen entdecke ich ein kleines Museum fuer folkloristische Kunst. Leider finde ich keine Informationen auf Eglisch, aber ich geniesse einen gruenen Tee im Innenhof. Mit Hilfe einer jungen Kunststudentin drucke ich ein altes Tigermotiv auf handgeschoepftes Papier. Ein alter Mann erklaert mir, dass es sich bei der laechelnden Schmusekatze um den friedlichen und scheuen koreanischen Tiger handelt, während der agressive Tiger aus dem Korea University Logo der japanische ist. Ein interessantes Bild fuer das historische Selbstverstaendnis der Koreaner und nicht das erste mal, dass ich damit konfrontiert werde.

Urban lifestyle

Meine erste Woche Vorlesungen lief gut, aber war bisher ja auch nur Einführung. Mal sehen, wie's kommende Woche wird, wenn's dann richtig losgeht. Ansonsten erlebe ich hier jeden Tag Neues. Alles schrecklich aufgregend, interessant und anstrengend. Wenn ich mich hier so alleine durch die Strassen treiben lasse, erlebe ich Seoul manchmal wie als eigenstaendigen riesigen Organismus mit einem schnellen Puls, der sich staendig transformiert. Die Menschen stroemen wie Blut durch die Adern Seouls und Neuankoemmlinge werden innerhalb kuerzester Zeit verschluckt. Wer bisher dachte, Berlin sei eine grosse Stadt und New York das pulsierende Leben, der sollte mal nach Asien kommen. Das Lebensgefuehl einer Millionenmetropole ist nahezu unbeschreiblich. Mitte letzter Woche wurde es mir alles zu viel. Ständig diese vielen Menschen um mich rum, der Lärm, die Leuchtreklame und Beschallung. Sich mal zurückziehen ist fast nicht möglich. Denke mal, das war das erste kleine bisschen Kulturschock.