Die Zeit hat den Warp Speed eingeschaltet und schon bin ich am Ende meines Auslandssemesters angelangt. Noch ein paar Klausuren, noch ein bisschen EM gucken und dann geht es schon nach Hainan: zwei Wochen Urlaub, zwei Wochen Volunteer Workcamp. Erst wollte ich aus persoenlichen und ethischen Gruenden nicht nach China, aber letztenendes war das Workcamp auf Hainan sowohl von der Arbeit also auch von der Umgebung und der Zeit das einzige passende Angebot. Manchmal oeffnet sich eine Tuer eben ganz weit und dann muss man einfach hindurchgehen. Hainan ist eine grosse Insel ganz im Sueden Chinas (Suedostasien) und hat einen aehnlich unabhaengigen Status wie Hongkong. Sowohl innenpolitisch als auch gesundheitlich ist es dort deutlich sicherer als in vielen anderen Teilen Suedostasien, wie zum Beispiel den Philippinen, die ich zuerst in Betracht gezogen hatte. Die Insel lockt mit kilometerlangen, weissen Sandstraenden, Kokospalmen, gegrillten Gambas zu Schaeppchenpresien, einer multiethnischen Bevoelkerung und subtropischem Regenwald im Inland. Das Workcamp liegt in einem kleinen Kokosbauerndorf und meine Aufgabe wird es vor allem sein die lokalen Englischlehrer zu unterstuetzen und in einer Gegen ohne Internet soetwas wie Horozonterweiterung zu bieten. Das funktioniert natuerlich in beide Richtungen und ich sehe fuer mich keinesfalls einen "aufklaererischen Auftrag. Aber keine Begegnung bleibt ohne Wirkung und wenn man sich gegenseitig Anstoss zur Wertereflektion gibt, ist schon alles gewonnen.
Wie Ihr ja alle wisst, bin ich gerade erst zwanzig geworden ^^ und durfte deshalb ehrenhalber an der "Coming of Age Ceremony" vor der Seouler Stadtverwaltung teilnehmen. Diese wird jedes Jahr von der Stadt Seoul ausgerichtet um den alten konfuzianistischen Brauch der Aufnahme von jungen Menschen in die Gemeinschaft der Erwachsenen aufrecht zu erhalten. Ein paar Internationals und ich wurden zusammen mit ca. 200 Koreaner/innen in ein traditionellles Hanbok gekleidet und festlich hergerichtet. Wie man auf den Fotos sehen kann, wurden meine Haare in eine recht gewoehnungsbeduerftige, koreanische Scheitelfrisur gekaemmt und mit einem roten Band geschmueckt. Wahrend der Zeremonie sassen wir man im Schneidersitz vor kleinen Tischen mit Tee und Reiskuchen. Es wurden verschiedene Verbeugungen und Kniefaelle durchgefuehrt und der Hoehepunkt der Zeremonie bestand darin, dass den Frauen die Haare hochgesteckt werden; ein Zeichen von Reife. Mir wurde die grosse Ehre zu Teil, dass der Buergermeister von Seoul meine Haare hochsteckte. Die Presse war absolut verrueckt und hat sich um die besten Bilder von den Langnasen gerissen. Dabei wurde durchaus gerempelt und geschimpft und ich war so aufgeregt, dass ich nicht wusste ob ich laut lachen oder mich unter dem kleinen Tischchen verstecken soll. Es ist sehr seltsam wie ein Celebrity behandelt zu werden, nur weil man gross, blond und langnasig ist. Ich habe mein Bestes gegeben zwie Stunden lang dekorativ auszusehen und so waren am naechsten Tag auch jede Menge Bilder von mir in den Zeitungen. Es war in jedem Fall eine einmalige Erfahrung und es hat mir sehr viel Spass gemacht mal so ein festliches Hanbok zu tragen.
Den freien National Children's Holiday verbrachten Georg und ich im viel gelobten Dragon Hill Spa, eine Art edlem Jimjilbang. Die Bilder auf der Website vermitteln zwar ein etwas uebertriebenes Bild, handelt es sich doch eher um ein Familienbad als um ein Edelspa, aber gefallen hat es uns trotzdem. Aber vielleicht erstmal von vorne: wie auch sonst ueberall zieht man gleich am Eingang die Schuhe aus und stellt sie in ein kleines Schließfach. Von da an geht es barfuss weiter. Man bekommt eine kurze Stoffhose und ein T-Shirt aus Baumwolle, denn der geschlechtergemischte Bereich wird niemals nackt betreten! Diese fesche Kluft haben wir uns dann angelegt und uns ins allgemeine Treiben gestuerzt. Das Dragon Hill Spa bietet verschiedenste Saunen, wie man sie auch aus Europa kennt. Der Unterschied ist nur, dass man eben die Kleidung anbehaelt, auf dem Boden anstatt auf Baenken sitzt und es auch keine Aufguesse gibt. Eine Eiswasserdusche danach ist auch nicht angesagt, anstattdessene laesst man sich einfach abkuehlen oder betritt den auf 9 Grad gekuehlten Eisraum. Im grossen Relaxbereich liegen steinharte Kissen und Matten aus, auf denen man schlafen kann. Mir gefaellt dieser Teil des Jimjilbangs nicht so, besonders die Klamotten stoeren mich und es ist oft zu laut. Deswegen haben Georg und ich uns nach einem Besuch auf der kleinen Dachterasse in die geschlechtergetrennten Bereiche begeben. Und hier beginnt der spannende und angenehme Teil der Geschichte. So pruede die Koreaner untereinander scheinen moegen, im Frauenbereich fallen alle Hemmungen. Alle laufen nackt ohne Handtuch oder Bademantel herum und man sitzt gemeinsam in verschieden heissen Wasserbecken oder schrubbt sich gegenseitig den Ruecken. Es gibt viele kleine Waschstationen, d.h. eine Marmorbank fuer die Sachen mit einem Duschkopf, einen Hocker zum Draufsetzten und einen Spiegel. Dort geht man wie im guten alten Rom der oeffentlichen Koerperpflege nach. Zunaechst duscht man sich einfach ab und viele Frauen tragen dann zunaechst eine Gesichtsmaske auf. Dann gibt man ein wenig von der eigenen oder oeffentlichen Seife auf einen recht rauen Handschuh und schrubbt sich damit komplett von oben bis unten ab, bis die Haut rosig und weich wird. Manche putzen sich dort auch die Zaehne oder rasieren sich, zuletzt werden die Haare gewaschen. Wenn man es richtig machen moechte, kann man auch eine Ajumma dafuer bezahlen dass sie einen professionell waescht. Erst habe ich mich nicht getraut, aber dann dachte ich, dass das doch eine der elementaren koreanischen Erfahrungen ist und habe mir eine nett laechelnde, kleine Ajumma ausgesucht. Man begibt sich also zu einer der mit Kunstoff bezogenen Liegen und legt sich dort hin - komplett nackt wohlgemerkt! Die Ajumma, welche selbst nicht mehr als ein bisschen Unterwaesche traegt, nimmt dann den rauhesten Waschlappen (den gelben) und schrubbt einen damit von oben bis unten so richtig kraeftig ab. Dabei kommt bei so Langnasen wie mir, die dass noch nie in ihrem Leben gemacht haben, ne ganze Menge alte Haut runter, das ist wirklich unglaublich. Manchmal tut es fast ein bisschen weh aber insgesant ist es ein angenehme Erfahrung von jemand anderem so greundlich gewaschen zu werden. Die Ajumma schrubbt einen wirklich KOMPLETT von oben bis unten und das meine ich woertlich! Danach wurde ich mit dampfend heissen Handtuechern belegt, weich geklopft und komplett mit Aromaoel uebergossen, welches mit kleinen Schlaegen in die Haut einmassiert wird. Man fuehlt sich wie neu geboren, mindestens zwei Kilo leichter und die Haut ist so weich wie seit Babytagen nicht mehr!
Wer etwas ueber die Wuensche, Hoffnungen und Selbstwahrnehmung der Koreaner lernen moechte, dem sein eines der vielen Promotion Videos empfohlen. Die gezeigten Eindruecke sind sicherlich nicht ganz falsch, aber vieles ist doch eher eine optimistische Zukunftsvision als tatsaechliche Realitaet. Vaeter die mit Ihren Toechtern am Han River Fahrrad fahren und nicht ihrer Frau alle Familienangelegenheiten ueberlassen? Konfuzianistische Tradition und technologischer Fortschritt im Einklang? Fliessender Verkehr und gruene Lungen in der Haupstadt des Smog?
Interessant dass Wirtschaft als erstes Thema so ausfuehrlich behandelt wird. Das spiegelt meiner Meinung nach die "neue" Kapitalismus Orientierung ganz gut wieder. Diese steht jedoch in einem starken Kontrast zu den traditionellen konfuzianistischen Werten, die den Gelderwerb als unwuerdige Beschaeftigung betrachten und sich auf Bildung und soziale Aufgaben konzentriert. Die schnelle wirtschaftliche Entwicklung, der technologische Fortschritt und die rapide Urbanisierung gehen keinesfalls mit einer angemessenen Entwicklung der Kultur und Gesellschaft einher. Korea steckt hier eher in einer Identitaetskrise und muss wohl in den kommenden Jahrzehnten noch fuer sich herausfinden was fuer ein Land es sein will. Denn derzeit ist es vor allem ein Land der steten und schnellen Veraenderung und des Schwankens zwischenTradition und Fortschritt.
Die Midterm Exams sind endlich vorbei und ich sehe wieder Tageslicht. Natuerlich schien vorige Woche die Sonne mit sommerlichen 25 Grad, waehrend es jetzt schon seit Tagen regnet. Kein Grund das Erreichen des ersten Etappenziels nicht ordentlich zu feiern. Donnerstagabend war ich auf einer grossartigen, ungeplanten TGIO-Party auf der sogenannten "Well-Being Street"; einer Strasse direkt neben dem Campus auf der sich Kneipen, Restaurants und Billardbars aneinander reihen. Spontan trafen sich viele Austauschstudenten und Koreaner in der Bar Fiesta, einem dunklen Kellerschuppen, der besonders fuer seine guenstigen Preise bekannt ist. Das Bier wurde in grossen Pitchern bestellt und der Soju floss ebenfalls literweise....der Rest ist dann wohl Geschichte! ^^ Man beachte besonders unsere "Gute-Laune-Brille"!
Freitagabend kamen Georg und ich dann dank unseres Freundes Christopher in den Genuss von erstklassigem Fusion Food. Ueber seine Freundin hatte er einen Restaurantmanager aus dem Seoul Finanzdistrikt kennengelernt, der uns in einem seiner Toprestaurants zum Freundschaftspreis verwoehnt hat. Es gab hausgemachte Fruehlingsrollen, Shrimp im Reisteigmantel, Salat mit hauchduennem, gegrilltem Rinderfilet und suesser Chilisosse, Pizza mit viel Kaese (etwas Besonderes in Korea), Fisch in Honigmarinade, Kalbsgulasch mit Reis, japanische Nudeln mit Meeresfruechten und ein kleines Cremedessert. Dazu haben wir sehr gute Rotweine getrunken; mein Favorit: 2005er Cabernet Sauvignon, Torres. Nach diesem vorzueglichen Abendessen wurden wir dann auch noch zu unseren neuen Bekannten nach Hause eingeladen und dort mit Whiskey und frischem Obst verwoehnt. Besonders interessant fand ich unser Gespraech ueber den Import von auslaendischen Waren nach Korea. Viele kleine Unternehmer und auch grosse Firmen haben sich hieran wohl schon die Finger verbrannt. Der koreanische Konsument ist unheimlich schwer zu kategorisieren, der diversifizierte und hart umkaempfte Markt sehr schwer fuer sich zu gewinnen. Jedes Jahr entwickeln sich hunderte neuer Trends und was heute noch "in" war, kann morgen schon nicht mehr von Interesse sein.
Vergangenes Wochenende bin ich mit Hong-Geun (Korea), Guni (Korea, mein Buddy), Linds (USA), Sebastian (Australien), Nozomi (Japan) und Georg in den Sueden Koreas gereist. Hong-Geuns Vater arbeitet die Woche ueber in Busan und so konnten wir am Wochenende in seinem leerstehenden Apartement schlafen. Freitag nachmittag nahmen wir den KTX (koreanischer ICE) und kamen am fruehen Abend in Busan an. Nachdem wir unsere Sachen abgeladen hatten, machten wir uns auf den Weg zum Hafen um die lokale Spezialitaet zu probieren - rohen Fisch. Und ich meine nicht so ein bisschen rohen Fisch wie bei Sushi sondern grosse Platten rohen Fisches, seltsames Seegemuese und frisch gehackter Tintenfisch. Letzterer gilt als besondere Delikatesse, kostet aber einige Ueberwindung, da er nach dem Zerhacken aufgrund von Muskelreflexen noch munter auf dem Teller herumkriecht. Ich hab mich erst schrecklich geekelt, aber dann war ich doch zu neugierig, habe ein kleines Tentakelchen probiert und es war sogar sehr lecker!
Damit der Fisch besser schwimmt, spuelten wir mit ordentlich Soju nach und als wir das Restaurant verliessen, waren alle in Laune fuer Norae Bang. Ich hatte noch nie soviel Spass dabei, mir kollektiv die Seele aus dem Leib zu groehlen ^^ Am naechsten Morgen quaelten wir uns frueh aus den Laken um uns die wunderschoene Kirschbluete in Jinhae anzuschauen. 22.000 Kirschbaeume kleiden die gesamte Stadt in ein festliches Weiss und die gefallenen Blueten schimmern in der Fruehlingssonne. Staunend spazierten wir durch die Stadt und entlang des Kanals. Auf dem Festival gab es viele kleine Staende mit seltsamen Spezialitaten, wie frittierte Seidenlarven, frischer Hai und ganze gebratene Wachtelkueken. Die Matrosen der lokalen Marineakadmie hatten fuer das Festival freibekommen und einer war mutig genug mich nach einem Foto mit ihm zu fragen. Die anderen haben nur nach der einzigen blonden Frau in der Stadt geguckt und wie die Schulmaedchen gekichert, mit denen sich Georg fotografieren liess. Wir machten viele Bilder, schlenderten um den See und machten uns dann auf den Rueckweg. Zurueck in Busan genossen wir ein besonders duenn geschnittenes Samgyopsal und vielen dann todmuede in unsere Betten.
Am Sonntag ging es wieder frueh raus und nachdem wir uns mit ein paar pappigen Teilchen und zu suessem Kaffee ausgestatten hatten, nahmen wir einen Expressbus nach Kyongju. Kyongju war 900 Jahre lang die Hauptstadt des Shilla-Reiches und ist eines der lohnenswertesten Ausflugsziele in Korea. An dem einen Tag konnten wir uns nur eine sehr kleine Auswahl der Palaeste, Tempel und Artefakte anschauen, aber ich werde auf jeden Fall nochmal hinfahren. Zuerst besuchten wir eine riesige Tempelanlage und genossen dabei besonders das fruehsommerliche Wetter. Dann besuchten wir die Huegelgraeber, die juengeren, koreanischen Brueder der aegyptischen Pyramiden.
Es hat mir super viel Spass gemacht mit Menschen aus so unterschiedlichen Laendern unterwegs zu sein. Wir haben viel uebereinander gelernt und gemeinsam etwas ueber Korea gelernt und hatten dabei jede Menge Spass!
Heute hatten ich und zwei Kommilitonen die wahrscheinlich einmalige Chance mich mit einem Chinesen offen ueber die Situation in Tibet und die Haltung der chinesischen Regierung zu unterhalten. Trotz des brenzligen Themas ist er sehr ruhig geblieben und hat versucht uns seine Weltsicht etwas naeher zu bringen. Leider war seine Sicht, meiner Meinung nach, von einer systematischen Gehirnwaesche gepraegt und wann immer er sich in problematischen Formulierungen zu verheddern drohte, fluechtete er sich in offensichtlich auswendig gelernte Vorformulierungen. Aber sind es nicht gerade auch diese Erfahrungen, die ein Auslandssemster so wertvoll machen? Seine Sichtweise hier darzulegen, waere zu aufwendig und kompliziert, aber mir sind waehrend unserem Gespraech folgende Dinge nochmal sehr deutlich geworden: meine westliche Weltsicht ist ebenso von Medien und Gesellschaft gepraegt und es ist unglaublich schwer sich zu solch komplizierten Themen eine reflektierte Meinung zu bilden. Die verfuegbaren Informationen scheinen irgendwie immer eingefaerbt und verzerrt zu sein. Darueber hinaus fuehle ich mich in meiner (nicht unbedingt populaeren) Sichtweise bestaerkt, dass eine Unabhaengigkeit Tibets fuer die Menschen dort nicht notwendigerweise erstrebenswert ist. Troztdem waere ein offener und gewaltfreier Dialog der Beteiligten die einzig wuenschenswerte Loesung.
Ich liebe es zu reisen und dabei meine eigene Zeit zu haben. Wochenendtrips in die naechstbeste Metropole sind nichts fuer mich. Ich will nah dran, an die Menschen und an die Kultur. Das braucht Zeit und die Neugierde, die ausgetreten Pfade zu verlassen. In diesem Blog moechte ich ein paar meiner Erlebnisse und Entdeckungen mit Euch teilen...
Wenn ihr die Fotos in den Diashowas in groesserer Ausfuehrung sehen moechtet, einfach ein Foto anklicken!
Koreanisches Woerterbuch
Ajumma Aeltere Frau im koreanischen Einheitslook, mit kurzer Dauerwelle und bequemer Kleidung; meistens damit beschaeftigt etwas zu verkaufen.
Jimjilbang Fuer den meisten Teil geschlechtergetrenntes, oeffentliches Badehaus mit Bodenheizung, Waschstellen, heissen Wasserbecken und Trockensaunen sowie SClaf und Videoraeumen.
Nashi Sehr schmackhafte und knackige Birne, die eher Aehnlichkeit mit einem Apfel hat.
Norae Bang Fuer Karaoke zu mietender, abgetrennter Raum (Norae = Gesang, Bang = Raum, 노래방), der es erlaubt in privater Atmosphaere einer der beliebtesten koreanischen Wochenendaktivitaeten nachzugehen.
Ondol Traditionelle koreanische Fußbodenheizung, die das Schlafen direkt auf dem Boden, mit einer duennen Matte besonder im Winter sehr angenehm macht.
Samgyopsal Duenn geschnittener Schweinebauch, welcher am Tisch auf einem Grill knusprig gebraten wird.
Soju Typisch koreanisches, alkoholisches Getraenk, welches aus Suesskartoffeln unter der Zugabe von Weizen oder Gerste gebrannt wird und einen Alkoholgehalt von 25% hat.